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Mittendrin.

Autorenbild: Martina Holdener
Martina Holdener
25. Sept.
8 Min. Lesezeit

Wenn das Leben ein Kapitel dazwischen schreibt.


Eine Weiterführung von «Weniger dazwischen»

Ein ehrlicher Blick hinter alles. schöne. leben. – mittendrin.


Ich mag das Leben mittendrin eigentlich am liebsten. Mittendrin in neuen Ideen, im Ausprobieren, im ganz normalen Familienleben, in Momenten nur mit mir, in Bewegung und in all dem, was noch entstehen wird.

Und irgendwie passt es deshalb fast ein bisschen zu gut, dass mein letzter Blogbeitrag ausgerechnet «Weniger dazwischen» hiess. Denn genau dieses Weniger dazwischen ist geblieben.

Dieses bewusste Wahrnehmen, das Leben nicht ständig schon im nächsten Moment zu suchen, Zeit miteinander wirklich miteinander zu verbringen und genauso diese Momente mit mir selbst zu haben, in denen etwas entsteht, sich bewegt, manchmal ganz leise und ohne dass daraus sofort etwas werden muss.

Gleichzeitig war da ganz viel in Bewegung. Ideen, die schon länger in mir waren und immer konkreter wurden. Der Plan, meine Angebote zu erweitern, Neues auszuprobieren und dem, was sich in den letzten Monaten entwickelt hat, langsam auch im Aussen mehr Raum zu geben.

Ich habe mich mit meinen neuen Fotos beschäftigt, überlegt, wie und wo sie ihren Platz auf meiner Webseite finden dürfen, welches Angebot wo hineingepflanzt wird und wie sich all die verschiedenen Teile so miteinander verbinden lassen, dass es sich am Ende auch wirklich nach mir anfühlt. Vieles war längst da, anderes gerade erst am Entstehen und genau dieses langsame Zusammenfügen, Ausprobieren und wieder ein bisschen Verändern mag ich ja sehr.

Und dazwischen all das, was längst zu mir gehört und mir genauso Freude macht.

Wunderschöne Hochzeiten, in deren Geschichten ich eintauchen durfte, neue Paare und ihre Geschichten, die bereits für nächstes Jahr auf mich warten, und Wohnberatungen, in die ich mich mit Räumen, Farben, Menschen und all den feinen Details hineindenken durfte.

Es war also einiges in Bewegung. Noch nicht fertig und auch nicht bis ins Letzte durchdacht, aber mit diesem ziemlich schönen Gefühl, dass sich da gerade etwas zusammenfügt und ich eigentlich ziemlich genau spüre, wohin es gehen darf.


Und dann schreibt das Leben eben manchmal ein Kapitel dazwischen.


Nicht unbedingt so, wie wir es selbst geschrieben hätten. Es verändert die Richtung, verschiebt auch den Zeitpunkt von Dingen und erinnert uns ziemlich deutlich daran, dass wir eben nicht alles in der Hand haben. Und trotzdem fühlt es sich für mich nicht an wie ein Abkommen von meinem Weg, gerade deshalb, weil ich tief daran glaube, dass vieles nicht einfach nur mit uns, sondern auch für uns geschieht.

Nicht im Sinne davon, dass sich deshalb alles gut anfühlen muss oder dass jede Erfahrung sofort einen Sinn braucht, sondern in diesem tiefen Vertrauen, dass auch das, was wir uns niemals ausgesucht hätten, etwas in uns bewegen darf. Uns verändern und uns wachsen lassen, als einzelne Menschen und miteinander.

Und gerade hat das Leben bei uns ein Kapitel wieder aufgeschlagen, von dem wir eigentlich dachten, wir hätten langsam gelernt, wie es sich liest.


Epilepsie.


Sie begleitet uns nicht erst seit gestern. Vor zweieinhalb Jahren war sie plötzlich da, mit all den Fragen, der Unsicherheit und allem, was man sich an Wissen erst einmal aneignen muss. Irgendwann hatten wir unseren Umgang damit gefunden. Nicht, weil damit alles beantwortet war, sondern weil Vertrauen gewachsen ist, weil Alltag wieder Alltag wurde und die Epilepsie zwar zu unserem Leben gehörte, aber nicht unser Leben bestimmte.


Und jetzt fühlt es sich gerade ein bisschen an wie beim Leiterlispiel.

Als wären wir auf unserem Weg schon einige Felder gegangen, hätten gelernt, verstanden, uns eingerichtet und plötzlich rutschen wir wieder ziemlich weit nach unten.

Nicht ganz zurück auf Anfang. Dafür haben wir in diesen zweieinhalb Jahren zu viel gelernt und erlebt. Aber zurück an einen Ort mit Fragen, auf die wir gerade noch keine Antworten haben, mit neuen Abklärungen, neuer Unsicherheit und diesem Gefühl, vieles noch einmal neu anschauen zu müssen.

Und ich merke, was das mit mir macht. Ich bin ein positiver Mensch und sehe ziemlich schnell das Licht irgendwo drin. Auch jetzt. Eigentlich vom ersten Moment an. Ich sehe, was diese Erfahrung mit uns machen kann, was wir daraus mitnehmen werden, wie jeder von uns daran wachsen wird, auf seine ganz eigene Art, und wie auch wir als Familie noch einmal anders miteinander wachsen können.

Denn wenn solche Momente etwas sichtbar machen, dann ist es für mich, wie tief wir miteinander verbunden sind. Wie sehr das, was einen von uns bewegt, auch etwas in den anderen berührt, wie wir uns halten, manchmal mit Worten und manchmal einfach nur, indem wir da sind. Wie viel Liebe in diesen ganz unscheinbaren Momenten steckt, in einem Blick, einer Berührung, einem «Ich bin da».

Ich sehe all das. Manchmal sogar ein bisschen zu schnell.


Denn in den letzten Tagen habe ich gemerkt, dass ich vor lauter Vertrauen, Wachstum und Nach-vorne-Schauen etwas fast nicht zugelassen habe, dass ich Angst habe.

Dass mich diese neue Unsicherheit beschäftigt, dass ich nicht auf jede Frage eine Antwort habe und es Momente gibt, in denen ich mir so sehr wünschen würde, einfach zu wissen, was kommt. Ich wollte dieses Gefühl fast überspringen, ihm möglichst schnell wieder Vertrauen geben, etwas Positives daraus ziehen und weitergehen.

Dabei muss gar nicht immer sofort etwas daraus werden. Unsicherheit darf einfach einmal Unsicherheit sein und Angst darf da sein, ohne dass sie bedeutet, dass mein Vertrauen weniger geworden ist.

Das lerne ich gerade einmal mehr. Nicht jedes schwierige Gefühl gleich verändern zu wollen, sondern es anzunehmen und einen Moment auszuhalten. Gerade als Mama, wenn in einem eigentlich alles danach ruft, Sicherheit zu geben, zu beschützen und Antworten zu haben. Und genau darin liegt gerade auch ein Teil meines eigenen weiteren Wachstums, nicht darin, möglichst schnell wieder dort zu sein, wo ich vorher war, sondern wirklich dort zu sein, wo ich gerade bin.


Mittendrin.


Wir wissen im Moment nicht, auf welchem Feld dieses Leiterlispiels wir als Nächstes landen, und wir haben Fragen, auf die es heute schlicht noch keine Antworten gibt. Aber wir haben etwas, das wir vor zweieinhalb Jahren noch nicht hatten:

Wir wissen, dass wir damit leben können.


Wir wissen, wie tief wir als Familie verbunden sind, wie wir einander auffangen, ohne uns gegenseitig alles abnehmen zu können, wie wir miteinander durch Dinge gehen, die wir uns nicht ausgesucht haben, und dass unser Leben dabei immer noch unseres bleibt.

Auch dieses Kapitel wird uns wieder verändern, jeden für sich und uns miteinander, und ich glaube weiterhin daran, dass darin Wachstum liegt. Nur muss ich es dieses Mal nicht schon sehen, bevor es überhaupt wachsen konnte.

Und genau da finde ich mich auch in dem wieder, was ich aus diesem Sommer mitgenommen habe. Nicht als etwas völlig Neues, sondern vielmehr als etwas, das längst zu mir und zu meinem Leben gehört und sich gerade noch einmal anders zeigt. Dieses bewusste Wahrnehmen, die Zeit mit den Menschen, die mir nah sind, genauso wie die Zeit mit mir selbst. Und all diese kleinen und grossen Momente, bei denen ich schon lange weiss, dass sie nicht erst besonders werden müssen, um für mich wertvoll zu sein.


Die Herbstferien liegen vor uns und ich freue mich darauf, diese Zeit mit meinen Kindern und als Familie ganz bewusst zu leben. Nicht, weil ich das vorher nicht getan hätte, sondern gerade jetzt noch einmal mit einem anderen Blick, mit allem, was uns in den letzten Wochen bewegt hat und noch immer bewegt.

Und genauso gehören auch diese Momente dazu, die nur mir gehören. Diese Zeit mit mir, zum Tanzen, Schreiben und Kreieren, zum Schaffen an meinen Projekten, zum Bewegen und Fühlen und genauso für die Momente, in denen ich einfach nur mit mir bin.

Ich nehme mir diesen Raum für mich ganz bewusst, nicht immer, damit daraus etwas entstehen muss. Manchmal entsteht ganz viel, manchmal eine neue Idee und manchmal auch gar nichts sichtbares. Und genau das liebe ich daran, dass diese Zeit keinen bestimmten Zweck erfüllen muss, dass ich darin ausprobieren, lernen, neugierig sein, etwas erschaffen oder einfach nur fühlen darf, was gerade da ist.

Und genau das ist auch etwas, das wir als Paar unseren Kindern sehr bewusst vorleben. Dass Familie und Verbundenheit nicht bedeuten, sich selbst irgendwo dazwischen zu verlieren. Dass wir füreinander da sind und gleichzeitig jeder seinen eigenen Raum haben darf für das, was uns bewegt, für Dinge, die wir lernen und neu entdecken möchten, für das, was wir erleben wollen, worauf wir neugierig sind und was auch einfach nur uns selbst gehört.

Gerade in dieser Zeit wird mir noch einmal bewusster, wie wertvoll genau das ist. Dass Verbundenheit nicht dadurch entsteht, alles miteinander zu machen, sondern auch darin, einander den Raum zu geben, immer wieder ganz bei sich selbst zu sein und sich von dort aus wieder zu begegnen.


Und dann kam das Leben dazwischen.


Nicht, um all das wieder wegzunehmen oder mich von meinem Weg abzubringen. Sondern um noch einmal etwas dazuzuschreiben. Unsere Erfahrungen zu erweitern, uns neue Seiten von uns selbst und voneinander kennenlernen zu lassen und uns an Stellen wachsen zu lassen, von denen wir heute noch gar nicht wissen, was sie einmal mit uns machen werden.

Gerade darin merke ich aber auch, wie wichtig es für mich ist, bei mir zu bleiben. Nicht plötzlich das infrage zu stellen, was mir wichtig ist, oder mich zu fragen, ob die Zeit, die ich mir für mich nehme, dem, was gerade ist, überhaupt gerecht wird. Nur weil das Leben an einer anderen Stelle gerade mehr Raum braucht, muss ich meinen eigenen nicht kleiner machen. Beides darf nebeneinander da sein.


Genau darin liegt für mich gerade etwas sehr Wertvolles.

Auch in einem Kapitel, das ich mir so nicht ausgesucht hätte, mit mir verbunden zu bleiben. Nicht alles stehen und liegen zu lassen, aber genauso wenig daran festzuhalten, wie ich mir die nächsten Wochen eigentlich vorgestellt hatte. Es darf sich verschieben, neu sortieren und seinen eigenen Rhythmus finden, ohne dass deshalb etwas verloren geht. Und bei mir zu bleiben bedeutet dabei nicht, weniger für all das da zu sein, was mich gerade braucht. Es bedeutet vielmehr, mich selbst nicht auf irgendwann zu verschieben, wenn es wieder ruhiger geworden ist, sondern auch mittendrin meinen Platz zu behalten.

Ich glaube, genau da kommt für mich wieder dieses Vertrauen ins Spiel. Das Vertrauen darin, dass nicht alles genau dann sichtbar werden muss, wenn ich bereit dafür bin. Dass Dinge ihren Platz finden, wenn ihre Zeit dafür da ist, und dass auch das, was gerade noch ein bisschen im Hintergrund weiterwächst, nicht weniger wird.


Da schliesst sich für mich der Kreis zu meinem «Weniger dazwischen» vom Sommer noch einmal neu. Denn es geht gar nicht darum, dass das Leben irgendwann aufhört, Kapitel dazwischen zuschreiben. Es geht vielmehr darum, auch diesen Kapiteln ihren Platz zu geben, ohne dabei das Gefühl zu haben, vom eigenen Weg abgekommen zu sein.

Denn vielleicht ist das Dazwischen gar nicht die Zeit, die uns vom Eigentlichen abhält. Vielleicht ist es genauso ein Teil davon.


So gehe ich weiter. Nicht weniger. Nicht mit weniger Ideen im Kopf und auch nicht weniger klar in dem, was ich spüre, sondern mit noch mehr Vertrauen darin, dass manches noch ein wenig Zeit braucht, anderes seinen Platz ganz von selbst findet und das Leben manchmal seine eigenen Wege nimmt, um uns genau dorthin zu bringen, wo etwas entstehen, wachsen oder einfach erst einmal sein darf.


Zur richtigen Zeit bedeutet eben nicht immer dann, wenn wir es geplant hätten, sondern dann, wenn auch das Leben bereit ist, diesem nächsten Kapitel seinen Platz zu geben.

Was dazwischen entsteht, muss noch gar nicht sichtbar sein, um längst da zu sein.


«Nicht alles, was gerade wartet, steht still. Manches wächst einfach noch dort, wo wir es nicht sehen.»


Und genau in dem Moment, in dem ich die letzten Worte dieses Blogs schreibe, kommt mein Mann in unsere Galerie, in den Händen einen wunderschönen Blumenstrauss.

Und irgendwie könnte das Leben selbst diesen letzten Satz gerade nicht schöner schreiben.

Mittendrin eben.


 
 
 

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Verwurzelt in der Ybriger Bergregion - deine persönliche Wohnberaterin, freie Traurednerin & Texterin

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